Minimalismus als Lebensstil

Um zu verstehen, warum immer mehr Menschen sich entscheiden, minimalistisch zu leben, muss man erst einmal verstehen, woher der Materialismus kommt. Denn dagegen richtet sich streng genommen der Minimalismus.

Wozu sollte ich mehr wünschen als ich brauche?
(Hildegard von Bingen)

Die Geschichte vom Materialismus: Woher kommt der moderne Minimalismus?

Minimalismus - dem Luxus entsagen
Minimalismus als Lebensstil

Viele hunderttausend Jahre der Menschheitsgeschichte war es einfachen Menschen gar nicht möglich, viele materielle Dinge in ihrem Leben anzuhäufen. Sie hatten Mühe, all das zusammenzufinden, was sie wirklich zum Leben brauchen. Mit den beiden Weltkriegen Anfang des letzten Jahrhunderts kam dann eine Zeit, in der viele Menschen tatsächlich zu wenig für ein glückliches Leben hatten und gerade noch genug, um zu überleben.

Solch eine traumatische Erfahrung wirkt noch viele Generationen später nach.

Nach dem zweiten Weltkrieg stellte sich in der westlichen Gesellschaft allmählich Wohlstand ein. Immer mehr Menschen hatten die Möglichkeit, sich Dinge zu leisten, die sie nicht wirklich zum Überleben brauchten.

Einen Fernseher zum Beispiel oder eine Mikrowelle. Erschüttert durch die Erfahrung, gar nichts zu haben, beruhigte der Besitz solcher Konsumgüter die tief sitzende Angst vieler Menschen. Sie fanden in materiellem Besitz ein trügerisches Gefühl von Sicherheit und Zufriedenheit.

Materielle Befriedigung immaterieller Bedürfnisse

Auch heute noch scheint mir der Besitz materieller Güter häufig eine Befriedigung innerer Bedürfnisse oder einem Gefühl von Sicherheit zu dienen. Als ich meinen Mann kennenlernte, hatte dieser kistenweise Dinge, die er nicht wirklich benutzte und auch nicht brauchte.

Trotzdem viel es ihm schwer, diese wegzugeben, als ein Umzug anstand. Erst viel später verstand ich, warum: für ihn war es wichtig, Dinge zu besitzen – egal welche – weil er damit eine innere Leere füllen wollte. Die Dinge an sich waren nicht wichtig und noch weniger wertvoll.

Doch bis dahin hatte er keinen Weg gefunden, die emotionale Leere anders zu kompensieren. Manche versuchen es auch mit einem Übermaß an Nahrung oder anderem krankhaften Verhalten.

Dabei ist die Wahrheit doch: Kein inneres, seelisches Bedürfnis lässt sich von außen befriedigen. Nicht durch Materialismus, nicht durch die Handlungen anderer Menschen. Wir selbst sind es, die für unser Glück verantwortlich ist und wir selbst bestimmen, was wir dafür wirklich brauchen.


Werbung

Wenn wir unglücklich sind und versuchen, andere dafür verantwortlich zu machen oder das Gefühl mit einer Menge Dinge zu übertönen, dann ist das nur Ablenkung. Auf diese Weise müssen wir uns nicht mit dem wirklichen Problem, mit uns selbst und unseren Gefühlen und Bedürfnissen beschäftigen, sondern mit den Dingen, die wir besitzen oder besitzen wollen.

Wir arbeiten viele Stunden am Tag, um uns diese vermeintlich wichtigen Dinge leisten zu können – und vergessen dabei, was wirklich wichtig ist im Leben.

Das ist Minimalismus

Und genau da setzt der moderne Minimalismus als Lebensstil an: Wir lassen bewusst all die Dinge, die wir nicht wirklich brauchen, die uns nicht glücklich machen, sondern die wir nur besitzen, weg.

Häufig bedeutet das auch, dass wir weniger arbeiten können, weil wir weniger Geld brauchen. Dadurch bleibt mehr Zeit für das Wesentliche. In jedem Fall aber bedeutet es, dass wir keinen überflüssigen Ballast haben, der uns vom Wesentlichen ablenkt und belastet. Wir sind frei, das zu tun, was wir wirklich wollen.

Minimalismus bedeutet übrigens nicht, gar nichts mehr zu haben. Es bedeutet nur, keinen zusätzlichen Ballast zu haben. Minimalistisch zu leben heißt nicht, dass wir nicht unseren Traum vom Haus verwirklichen dürfen oder unseren heißgeliebten Job aufgeben müssen.

Es bedeutet aber, das Haus nur zu kaufen, wenn es das ist, was wir wirklich wollen. Und es bedeutet auch, sich von einem gut bezahlten Job zu trennen, der uns den Großteil des Tages unzufrieden und gestresst verleben lässt und den wir nur des Geldes wegen ausführen.

Minimalismus im Alltag

Wer sich jetzt denkt „Stimmt schon, das will ich auch machen“: Aktionismus ist hier fehl am Platz. Minimalismus beginnt nicht damit, seinen Job hinzuschmeißen oder sein Haus zu verkaufen. Minimalismus beginnt im Kleinen, im alltäglichen Leben. Er beginnt damit den Keller zu entrümpeln und die ungetragenen Schuhe wegzugeben, die seit Jahren im Schrank stehen.

Minimalsimus ist das Sandwich, das Du mit Deinem besten Freund im sonnigen Park isst, statt im teuersten Restaurant der Stadt Schlange zu stehen. Er ist das Gespräch mit Deinem Partner, während der Fernseher aus ist und er ist das Neue Mountainbike, das Du nicht gekauft hast, weil dein Onkel Dir sein gebrauchtes leiht, wann immer Du es brauchst.

Ein Gedanke zu „Minimalismus als Lebensstil“

  1. In vielen Fällen ist weniger in der Tat mehr. Wenn ich manchmal das Anspruchsdenken der heutigen Jugend mitbekomme, da stimmen die Relationen einfach nicht mehr. Letztlich ist das natürlich alles eine Frage der Erziehung und der Werte, die einem das Zuhause mit auf den Weg gibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.