Sexting – Virtueller Striptease

ONLINE-TREND SEXTING

Der virtuelle Striptease

Nach vier Versuchen hat Anna das perfekte Bild gemacht. Ihre Haare liegen locker über den Schultern, die Schmolllippen kommen gut zur Geltung – genauso wie der neue Push-Up-BH. Sexy und doch nicht zu billig, wie sie findet. Sie schickt das intime Selbstportrait ab und wartet gespannt auf eine Reaktion.

Sexting
Sexting – Der virtuelle Striptease

Von Meike Stephan

Anna, die in Wirklichkeit anders heißt, ist dreizehn und vermisst ihren Freund. Er ist für zwei Wochen im Urlaub und mehrere hundert Kilometer weit weg.

Sie hat Angst, dass er sie in der Zeit vergisst, will ihn an die gemeinsame Zeit erinnern. Sie schickt ihm ein freizügiges Selfie, wie man das heutzutage eben so macht.

Intime Bilder statt Liebesbrief

Sexting“ – eine Kombination der beiden Wörter „Sex“ und „Texting“, bezeichnet das Aufnehmen und Versenden erotischer Fotos über elektronische Geräte. Immer mehr Jugendliche nutzen Smartphone, Tablet und Co., um intime Privatfotos von sich zu verschicken. Wer will schon einen schwülstigen Liebesbrief, wenn man mit Bildern so viel mehr sagen kann?

Vor allem Whatsapp und Snapchat sind beliebt für die intimen Selbstportraits. Eine aktuelle österreichische Studie zu Sexting unter Jugendlichen ergab, dass 30 Prozent aller Befragten zwischen 14 und 18 Jahren bereits Erfahrung mit Sexting gemacht haben. 16 Prozent haben schon selbst ein Nacktfoto von sich verschickt. Die zum Teil schwerwiegenden Folgen können nur die wenigstens abschätzen.

Weitreichende Folgen

Mitunter ziehen derlei Fotos weitere Kreise als den Absendern lieb ist, wie im Fall der 13-jährigen Hope aus Florida, die ihrem Schwarm ein Bild ihrer nackten Brüste schickte. Was sie nicht ahnen konnte: Eine Freundin des Jungen fand das Foto zufällig auf dem Handy und leitet es kurzerhand weiter. Innerhalb weniger Tage kursierte das Nacktbild in allen Schulen der Umgebung. Hope wird zum Spott der Schüler und Zielscheibe von extremem Cybermobbing. Selbst ihre Eltern verurteilten sie. Das Mädchen hielt dem Druck nicht mehr stand und erhängte sich.

Sicher, Hope ist ein extremes Beispiel. Nicht jedes Nackt-Selfie wird öffentlich gemacht und nicht jedes Mobbing-Opfer in den Selbstmord getrieben. Trotzdem verkennen viele Kinder und Jugendlichen die Gefahr, die von Sexting und Co. ausgehen kann.

Einer Umfrage der EU-Kommission zufolge, die rund 25.000 Kinder und Jugendliche in Europa zu ihren Online-Aktivitäten befragte, gaben insbesondere Jüngere an, oft nicht zu wissen, wie sie sich gegen Einblicke von Fremden im Netz schützen können. Knapp 40 Prozent der deutschen Elf- und Zwölfjährigen wissen nicht, wie und wo sie ihre Privatsphäre-Einstellungen im Netz ändern können.

Sensibilisieren und Aufklären

Medienkompetenz muss erlernt werden. Eltern setzen ihr Kind auch nicht aufs Fahrrad und sagen ihnen, jetzt radel mal los!“, sagt Marike Schlattman vom Deutschen Kinderschutzbund. Sie rät: „Kinder und Jugendliche müssen dafür sensibilisiert werden, welche Gefahren von ihren Handlungen ausgehen.“

Hier sind in erster Linie Eltern gefragt, aber auch Schulen und Medien, die von Kindern und Jugendlichen genutzt werden, sollten aufklären und die Medienkompetenz schärfen. „Wir müssen mit unseren Kindern allgemein über Werte im digitalen Zeitalter sprechen. Zum Beispiel, dass das Verletzen von Privatsphäre durch Online-Verhalten jeglicher Art Leben ruinieren und nicht zuletzt strafrechtliche Konsequenzen haben kann“, sagt Schlattmann.

Eltern sollten vor allem offen und unvoreingenommen sein und sich dafür interessieren, was ihre Kinder im Netz machen. „Jedes neue Medium birgt Chancen und Risiken, vor allem wenn es von Kindern und Jugendlichen genutzt wird. Den Blick reflexartig auf die eventuell möglichen Risiken zu lenken, vergibt die Chance, zu beobachten und zu verstehen, was Jugendliche daran fasziniert und reizt“, erklärt Fabian Fiedler, Geschäftsführer des Nürnberger Medienzentrum Parabol.

Weiterführende Links

Mehr Informationen für Jugendliche, Eltern und Lehrer zu Datenschutz, Privatsphäre und Cybermobbing gibt es auf Klicksafe, Schau hin!, juuuport,

watchyourweb.de und der Webseite des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik. Zahlen und Fakten zu Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern gibt es in der Studie „Cyberlife – Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr“

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