Salsa tanzen in Deutschland

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Salsa tanzen – Emoción als Lateinamerika

Unterkühlt, diszipiniert und steif – so oder so ähnlich sieht das Stereotyp der Deutschen aus. Doch in den letzten Jahren und Jahrzehnten hat das lateinamerikanische Salsa tanzen Einzug in Deutschland gehalten, der als feurig, erotisch und emotional gilt. Wie passt das zusammen? Betrachten wir einmal – historische Gesichtspunkte und aktuelle Trends einbeziehend – diesen „culture clash“ etwas näher…

Salsa tanzen - Der Tanz aus Lateinamerika
Salsa tanzen erobert Deutschland

Die Anzahl der Salsa Tanzschulen und Salsa Clubs in Deutschland hat sich in den letzten Jahren vervielfacht – und auch das Angebot als Salsa Events, Salsa Partys hat sich entsprechend erweitert. In zahlreichen deutschen Städten bilden sich kleinere und größere Communities von Salsa-Fans heraus, die aktiv einen großen Teil ihres Lebens auf diese Musikkultur verwenden.

Ein guter Indikator der Bedeutung eines Trends ist immer auch das World Wide Web: Wenn sich Websites zu entwickeln beginnen, die Anhänger eines neuen oder neuentdeckten Kulturphänomens zusammenführen und informieren wollen, ist ein Trend aus dem kulturellen Randgebiet einer Nation in die Mitte vorgedrungen.

Ein Beispiel für eine solche Website zu Salsa ist das Online-Portal Salsaland (vgl. www.salsaland.de), das sich als Schnittstelle von Salsa Tänzerinnen und Tänzern, Tanzschulen, Clubs und potentiellen Neueinsteigern begreift. Hinter solchen ambitionierten Projekten im Web steht immer eine starke Community, die diese Dienstleistung nachfragt.

Dabei muss das gestiegene Interesse an Salsa in Deutschland aber in einem größeren Kontext eines überhaupt verstärkten Interesses an lateinamerikanischer Kultur betrachtet werden – auch etwa Tango Argentino erlebt derzeit eine Blüte in Deutschland (vgl. etwa www.tangokultur.info oder www.tangotanzen.de). Das ist kulturwissenschaftlich durchaus interessant: Wie kam eigentlich Salsa nach Deutschland, und warum ist das Interesse an Salsa und anderen lateinamerikanischen Tänzen derzeit so groß?

Macht der Mythen – Salsa wird geboren

Wie in wohl fast jeder Musikkultur ist auch die tatsächliche Entstehungsgeschichte von Salsa eine ganz andere, als der Mythos es will, oder anders ausgedrückt: Für ihre heutigen Anhänger steht Salsa für etwas ganz anderes – und diese gegenwärtige Bedeutung wird von den Mitgliedern dieser Subkultur zurückprojiziert in die Geschichte. Dies ist ein Phänomen, das Ethnologen gerne unter dem Schlagwort „Konstruktion von Tradition“ verhandeln. Was aber ist die „Tradition“ Salsa?

Heute gilt Salsa als eine Musikkultur, die ihre Ursprünge auf Kuba hat und vor allem für Erotik und Leidenschaft steht. Historisch falsch ist das nicht. In der Tat ist der direkteste Vorläufer der Salsa Musik und auch des Tanzes der kubanische Son. Im Son verbanden sich erstmals europäische Instrumente wie Gitarre und Akkordeon mit den afroamerikanischen Klängen, die Sklaven aus Afrika nach Kuba mitgebracht hatten. Auch im Salsa Tanz spiegeln sich diese kulturellen Elemente wieder.

Doch die eigentliche Geburtstunde des Salsa Tanzes und der Salsa Musik liegt im New York der 1960er Jahre. In den spanisch-karibisch und puertoricanisch geprägten Armenvierteln der Stadt entstand diese Musik als Protest gegen die Behandlung dieser ethnischen Minderheiten – sie wurde zum politischen Ausdruck der Suche nach einer kulturellen Identität. Diese politische Dimension spiegelte sich auch in den Texten der Musik wider. Zugleich hatte die Musik wesentliche Elemente des Jazz aufgenommen, die den Salsa Stil prägen.

Diese eigentlich sozialpolitische Komponente in der Salsa Musikkultur und im Salsa Tanz – als körperlicher Ausdruck eben des Widerstandes gegen Unterdrückung – wird heute meist übersehen: Salsa Tanz und der so charakteristische Ausdruck von Emotionen durch die Bewegungen ist aber tatsächlich weit mehr als bloßer Ausdruck von Fröhlichkeit und Lebensfreude. Letztere Elemente sind in sich bereits Ausdruck des Widerstands gewesen.

Macht des Marktes – Salsa erobert die Welt

Der Name „Salsa“ als Label für die junge Musikkultur entstand in den frühen 197er Jahren – man wollte damit das feurige, scharfe Element betonen – das wohl die meisten Salsa Tänzerinnen und Tänzer noch heute mit dem Tanz verbinden. Die Band „Fania All Stars“ machte den Salsa-Sound berühmt – und das Medium Film sorgte für eine weitere Verbreitung des neuen Stils, unter anderem in dem nach der Musikrichtung „Salsa“ benannten Film aus den 1970ern.

Im Zuge der zunehmenden Kommerzialisierung der Musik und des Tanzes trat die gesellschaftskritische Dimension zunehmend in den Hintergrund. Gerade in den 90er Jahren sorgten Stars wie Gloria Estefan oder Jennifer Lopez, die Salsa-Elemente mit Latino-Pop und Rock mischten, für eine neue Popularität der Musik und, damit einhergehend, auch des Tanzes.

Salsa eroberte die Welt – und wurde in jeder Kultur anders adaptiert, umgesetzt und der lokalen Kultur angepasst, ohne im Kern die einenden Elemente aufzugeben. Sicherlich ist diese globale Dimension des Salsa Tanzes auch ein Element, das viele Salseros und Salseras heute fasziniert und anspricht: Die legendäre Offenheit und Toleranz, die diese Musikkultur prägt. Und diese kann man natürlich durchaus auch bis zu den gesellschaftskritischen Wurzeln des Salsa zurückverfolgen.

Salsa tanzen in Deutschland

Salsa erreichte Deutschland erstmals in der Folge des Films „Dirty Dancing“, der den – dem Salsa eng verwandten – Mambo Tanz berühmt gemacht hatte. Auch hierin begründet sich sicherlich der Fokus auf der erotischen Komponente des Tanzes, der für viele Salsa Fans eine wichtige Rolle spielt. Auch der „Buena Vista Social Club“ hatte noch einmal verstärkt das Interesse für lateinamerikanische und karibische Musik geweckt. Das derzeitige „Salsa-Fieber“ in Deutschland ist aber damit alleine nicht zu erklären: Salsaland verzeichnet derzeit 70 Städte in Deutschland, in denen es Salsa Tanzschulen und Salsa Clubs gibt. Eine Auflistung findet sich auf dem Internetportal Salsaland.

Denn auch wenn Musik und Tanz immer eine lokale Adaption erfahren und die Deutschen vielleicht einfach nicht so kühl und steif sind, wie das Stereotyp es gerne hätte: Wo ist die Ursache? Betrachtet man die Aussagen von Salseras und Salseros, was sie am Salsa tanzen fasziniert, so sind es oft die Möglichkeit, abzuschalten, eigene Emotionen in Bewegung auszudrücken, eine tolle Gemeinschaft zu erleben. Man kann hier also nicht umhin, einen gewissen kompensatorischen Effekt zu vermuten. Denn in einer Gesellschaft, in der vieles hektisch und unpersönlich geworden ist und wenig Raum für „face-to-face“-Geselligkeit bleibt, in der Bewegung generell eher zu kurz kommt: Da fällt eine emotional geprägte, ein positives Lebensgefühl vermittelnde und sich notwendig in Gemeinschaft vollziehende Aktivität wie das Salsa tanzen auf fruchtbaren Boden. Und wohl deshalb hört man bisweilen von Salsa Tänzerinnen und Tänzern: „Salsa ist besser als jede Therapie!“ — Und sie haben damit vermutlich recht: Denn es ist eine natürliche, keine artifizielle Antwort des Menschen auf Probleme und Anstrengungen des Alltags.

Weiterführende Literatur und Links:

Silke Vagt-Keßler, Tanzen in der Salsa-Szene. Eine methodenintegrative empirische Analyse von Verhalten und Erleben (Univ.-Diss.), Köln 2010.

Heike Wieschiolek, «Ladies, Just Follow His Lead!»: Salsa, Gender and Identity. In N. Dyck & E.P. Archetti (Hrsg.), Sport, Dance and Embodied Identities, S. 115-137, Oxford/New York 2003.

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