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Die historischen Anfänge des heute allgemein geläufigen Bonmots „Reisen bildet“ lassen sich recht eindeutig auf die Zeit gegen Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts datieren, als die damalige „Grand Tour“ (große Reise) zu kulturell bedeutenden Stätten in Europa und Nahost für die wohlhabenden erwachsenen Söhne des europäischen Adels und des gehobenen Bürgertums gesellschaftlich obligatorisch wurde.

Reisen bildet – man lernt Sprachen, schätzt die eigene Lebensweise

Reisen bildet - Kultur und Sprache entdecken
Reisen bildet – Politik, Reisen und Weltgeschehen

Die häufig auch „Kavalierstour“ genannte Reise führte meist über Monate durch malerische Landschaften und in berühmte europäische Kunststädte in Frankreich, Italien und Spanien, wo vor allem bekannte Baudenkmäler aus der Antike, dem Mittelalter und der Renaissance besichtigt wurden.

Während für die bürgerlichen Reisenden dabei vor allem Spracherwerb und Kulturkenntnis im Vordergrund standen, sollten adelige Abkömmlinge durch ihre Reisen auch wertvolle Kontakte zu anderen Fürstenhöfen knüpfen, ihre Manieren verfeinern, die Fechtkunst erlernen, inoffiziell erotische Erfahrungen machen und Heiratsmöglichkeiten überprüfen.

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“ Alexander von Humboldt

Waren diese Phasen des organisierten Müßiggangs auch im gesamten 19. und frühen 20. Jahrhundert noch denjenigen Bevölkerungsschichten vorbehalten, die dafür auch die notwendigen finanziellen Möglichkeiten besaßen, kam es spätestens mit dem Siegeszug des kommerziellen Fremdenverkehrs nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den 1950er Jahren zu einer schrittweisen Demokratisierung von Bildungs- und Studienreisen.

Seither sind auch für weniger gut situierte gesellschaftliche Gruppen Reisen in fremde Weltgegenden in bezahlbare Nähe gerückt. Zwar reist bis heute die Mehrheit moderner Urlauber vorrangig aus Gründen der Erholung und Entspannung in andere Gefilde, der professionelle Ausbau von Schüleraustauschen und Auslandssemestern für Studenten steht jedoch recht eindeutig in der Tradition der „Grand Tour“.

Auslandsaufenthalte und Sprachtkenntnisse aus berufliche Stütze

Mittlerweile sind längere berufliche oder auch touristische Aufenthalte im Ausland zu einem bei Personalchefs sehr hoch angesehenen Kriterium für die Jobvergabe geworden. Bewerber mit einschlägigen Erfahrungen signalisieren ihren potenziellen zukünftigen Arbeitgebern hiermit ein hohes Maß an Aufgeschlossenheit, Flexibilität und auch Mut, sich auf neue und unbekannte Situationen einzulassen.

Im Rahmen der unaufhaltsam fortschreitenden Globalisierung, in deren Verlauf besonders auch interkulturelle Kompetenz und Kenntnisse fremder Sprachen, Sitten und Gebräuche immer wichtiger für den internationalen Erfolg von global tätigen Unternehmen werden, sind Reiseerfahrungen inzwischen ein integraler und unverzichtbarer Bestandteil für das bessere Verständnis der restlichen Welt und damit letztlich auch der Konsumenten, deren Wünschen, Ansprüchen und Erwartungen geworden.

Fast keine Firma kann es sich heute noch leisten, Mitarbeiter ohne Fremdsprachenkenntnisse und zumindest einigen wenigen Reiseerfahrungen einzustellen. In den aktuellen Zeiten und etwa den digital orientierten Branchen, in denen es völlig normal und selbstverständlich ist, dass viele Menschen unterschiedlichster ethnischer Herkunft miteinander arbeiten und zielführend produzieren, sind durch häufiges Reisen gewonnene Akzeptanz und Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen und Moralvorstellungen quasi schon eine Einstellungsvoraussetzung.

Darüber hinaus hat die Wichtigkeit von Geschäftsreisen trotz der vielfach prognostizierten Ablösung durch Video- und Internetkonferenzen in den letzten Jahren auch eher zu- als abgenommen, je nach genauer Branche und exaktem Unternehmensbereich wird von den entsprechenden Mitarbeitern erwartet, dass sie sich auch im Ausland angemessen und passend verhalten können.

Reisen im frühen 21. Jahrhundert ist also zunehmend bzw. erneut vom reinen Freizeitvergnügen zur wichtigen sozialen und beruflichen Fähigkeit geworden, nur wer sich auch auf internationalem Parkett gut bewegen und benehmen kann, wird es zu Hause mittel- und langfristig auch in Führungspositionen schaffen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Wirtschaftsleben der vergangenen drei bis fünf Dekaden auch in der zurzeit sich tendenziell vielerorts leider eher stark chauvinistisch und nationalistisch gebärenden Weltpolitik in Zukunft wieder mehr durchsetzen werden.

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