Kurzgeschichte Olli, Moppel

Kurzgeschichte Monika Baitsch: Olli, genannt Moppel

Olli war nicht wie andere Jungs in seinem Alter. Er war mehr! „Mehr“ im wahrsten Sinne des Wortes, denn er war bestimmt zehn Kilogramm schwerer, als seine Klassenkameraden. Er aß gerne und er aß gerne oft und viel, aber was sollte er auch sonst den ganzen Tag machen? Er hatte keinen besten Freund, wie alle anderen. Keiner hatte Lust etwas mit ihm zu unternehmen. Eigentlich war ihm auch klar, warum das so war! Er hatte kein Talent für Ballspiele, kein Talent für Fangspiele, kein Talent fürs Fahrradfahren und kein Talent für coole Sprüche.

Heute war wieder so ein Tag, an dem er sich über sich selbst ärgerte. Alle waren im Schwimmbad und hatten ihren Spaß, aber auch zum Schwimmen hatte er kein Talent. Traurig ließ er den Kopf hängen. Warum sollte er sich auch den blöden Witzen der anderen ausliefern? „Nilpferd“, hatte neulich einer zu ihm gesagt. Olli erhob sich von der Gartenbank, die draußen auf der Terrasse stand und ging zurück ins Haus. Auch zum Herumsitzen hatte er kein Talent!

Hilfmir Monika Baitsch

Im Buch stellt sich der „Hilfmir“ mit einem Brief den Kindern vor und sagt ihnen, wie sie seine Zauberkraft für sich nutzen können. Die Geschichte ist aus „Hilfmir – mein kleiner Freund und seine neuen Mutmacher-Geschichten“

www.monika-baitsch.de

Zuerst schaute er in den Kühlschrank, nahm sich das Schnitzel, das noch vom Mittagessen übrig geblieben war und verschwand in seinem Zimmer. Die Sonnenstrahlen warfen lustige Schatten auf sein Bett, aber Olli bemerkte das gar nicht. Gelangweilt ließ er sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen, schaute ins Leere und biss gedankenverloren in sein Schnitzel.

Wozu hatte er eigentlich Talent? Hmm, er konnte gut Schachspielen und auch handwerklich stellte er sich nicht gerade blöd an. Aber welches Kind in seinem Alter interessierte sich schon für Schach oder handwerkliche Dinge? Traurig leckte er sich die fettigen Finger ab. Und jetzt? Das Schnitzel war aufgegessen und ihm ging es immer noch nicht besser. „So ein Mist“, sagte er laut und stampfte dabei wütend mit dem Fuß auf. „Und morgen ist auch noch dieses verdammte Sportfest.“ Olli bekam Ohrensausen, wenn er daran dachte. Morgen würde er sich wieder eine volle Ladung blöder Sprüche anhören müssen. Aber, was blieb ihm anderes übrig?

Um sich abzulenken, holte er sich eine Tüte Chips und schaltete den Fernseher ein. Das Fernsehprogramm war auch langweilig und deshalb schaltete er gleich wieder ab. Und was nun? Die Hausaufgaben hatte er alle erledigt und für die Mathe-Arbeit brauchte er nicht zu lernen, in Mathe war er gut! Ja, das wussten auch die anderen aus seiner Klasse Immer, wenn es kompliziert wurde, wussten sie, wo sie ihn finden konnten. Auch in Deutsch war er ein guter Ansprechpartner, wenn jemand die Hausaufgaben abschreiben wollte oder etwas nicht verstanden hatte. Aber in ihrer Freizeit trafen sie sich mit anderen und nicht mit ihm!

Na gut, dann würde er eben endlich mal die Schubladen in seinem Zimmer ausmisten. Seine Mutter hatte es ihm schon einige Male gesagt, aber er hatte eigentlich keine Lust dazu. Heute würde er es ihr zuliebe einfach tun! Er nahm die drei Schubladen seines Schrankes und kippte sie lustlos auf den Boden. Oh, da waren ja die Fußball-Sammelkarten, die er vor einigen Wochen gesucht hatte. Und da – die Taschenlampe! Er schob den Schalter nach vorne, aber anscheinend war die Batterie alle. Wenn er so weitermachte, dann würde er morgen noch sitzen!

Da fiel sein Blick plötzlich auf das kleine, braune Ding – seinen Hilfmir! An den hatte er ja schon Ewigkeiten nicht mehr daran gedacht! Er nahm ihn und drehte ihn einige Male. Hmm, dachte er, der hat mir schon oft geholfen!

Als der freche Leon im Kindergarten ihm dauernd die Nase blutig geschlagen hatte, bestellte er sich einfach einen stärkeren Jungen bei seinem Hilfmir und der kam dann sogar! Ein Junge war aus einer anderen Stadt hergezogen und der hatte Mut! Wie hieß der gleich noch mal? Ach ja, Jens! Als Leon ihm eines Tages wieder einmal zu nahe kam, stellte Jens sich einfach dazwischen und erklärte Leon, dass er im Judo sei und er sich nicht trauen sollte, Olli noch einmal anzufassen. Er solle sich gefälligst einen suchen, der ihm gewachsen sei.

Mit Jens hatte sich Olli auf Anhieb gut verstanden, aber leider musste der wieder umziehen, da sein Vater von seiner Firma ins Ausland versetzt wurde. Sie schrieben sich noch gelegentlich eine Postkarte. Eigentlich wäre es mal wieder an der Zeit dafür, dachte er und nahm sich vor, das heute auch gleich noch zu erledigen!

Olli setzte seinen Hilfmir auf den Schreibtisch. Jetzt würde er erst mal wieder alles einräumen, damit seine Mutter zufrieden war und dann … er dachte nach! Ja, dann würde er, wie früher mit seinem Hilfmir über sein Problem reden! Das Aufräumen ging schnell, denn seine Gedanken kreisten nur noch um seinen Wunsch, sich morgen beim Sportfest nicht zu blamieren.

Als er fertig war, setzte er sich auf sein Bett und schaute Hilfmir an. „Lieber Hilfmir …“, begann er. „Und jetzt?“ Olli war wohl etwas aus der Übung, er dachte noch einmal kurz nach und erzählte Hilfmir dann einfach alles, was ihn so bedrückte. „… alle wissen, wo sie mich finden können, wenn es mal in der Schule hängt, aber ins Schwimmbad nehmen sie mich nicht mit, weil ich so dick und langsam bin. Und morgen haben wir auch noch das Sportfest! Ich bin sicher wieder der Allerletzte, der beim 1000-Meter-Lauf im Ziel ankommt … wenn ich es überhaupt schaffe! Warum bin ich nicht so gut, wie alle anderen Jungs aus meiner Klasse? Bitte Hilfmir, hilf mir!“

Er steckte den Hilfmir in die Hosentasche, denn eben war das Auto seiner Mutter in die Garage gefahren. Sie kam vom Einkaufen zurück und es würde sicher gleich etwas Leckeres zum Abendessen geben.

Am nächsten Morgen packte er seinen Rucksack. Ihm war ganz flau in der Magengegend und er konnte heute noch nicht einmal etwas frühstücken. Am liebsten wäre er wieder ins Bett gegangen, bis der Tag vorüber war. Aber er wusste, das wäre eine noch größere Peinlichkeit gewesen, als einfach nur als Letzter beim Rennen anzukommen.

Als er seine Wasserflasche in den Rucksack stecken wollte, fiel sein Blick auf seinen Hilfmir, den er in die Seitentasche gesteckt hatte. Er nahm ihn in seine Hand, schaute ihn hilflos an und seufzte: „Wie kannst du mir heute bloß helfen? Wie soll das nur gut gehen? Wenn wenigstes die, die ich immer die Hausaufgaben abschreiben lasse, nicht lachen würden! Hilfmir, hilf mir doch bitte!“ Dann nahm er seine Sachen und machte sich langsam auf den Weg.

Als er am Stadion ankam, war da schon ein Riesenbetrieb. Die Kinder stellten lachend ihre Fahrräder an den Fahrradständern ab und liefen vergnügt ins Stadion, Richtung Umkleidekabinen. Olli schlurfte mit traurigem Gesicht hinter ihnen her.  Als er wieder aus der Umkleidekabine kam, hatten sich alle schon am Rand der Bahn auf dem Rasen versammelt. Ihr Lehrer, Herr Schnitzer, gab die letzten Anweisungen, aber niemand hörte so richtig zu, alle waren ganz aufgeregt. Olli hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Als es losgehen konnte, trottete er mit gesenktem Kopf seiner Klasse hinterher zum Start. Ja, Sascha, Marc und David hatten gut lachen! Sie waren sportlich. Die drei Jungs liefen direkt vor Olli und scherzten, lachten und knufften sich gegenseitig in die Seiten, als ob nichts sei. Aber es war doch etwas – dieser dämliche 1000-Meter-Lauf, bei dem Olli jetzt wieder kläglich versagen würde.

Als alle am Startpunkt angekommen waren, stand er etwas abseits der anderen. Bloß nicht auffallen, dachte er. Wenn die jetzt auch noch auf mich aufmerksam werden, wird es nur noch schlimmer und sie machen vorher schon blöde Witze über mich.

Aber genau in diesem Moment kam Sascha auf ihn zu: „Na Olli, alles frisch?“ Olli wäre am liebsten auf und davon. Ausgerechnet Sascha, die Sportskanone! „Es geht“, antwortete er nur knapp. „Was ist denn los mit dir?“, wollte Sascha wissen.

Na super, jetzt hatte er genau, was er nicht wollte – die Aufmerksamkeit von Sascha, Marc und David! „Ach, ich mache mich jetzt gleich wieder zur Lachnummer für euch.“ „Mensch Olli“, auch David kam nun näher, „du wirst das schaffen! Mach dir doch nicht so viele Gedanken!“ „DU hast es ja einfach! DU läufst die tausend Meter wieder in Bestzeit und ich komme eine halbe Stunde später, wie ein Nilpferd ins Ziel und alle schauen auf mich, wie ich rot und prustend fast zusammenbreche“, brach es aus Olli raus. „Olli, wir versprechen dir, dass heute keiner über dich lachen wird und du gibst einfach dein Bestes, mehr geht sowieso nicht“, sagte Sascha.

Olli schaute ihn erstaunt an, aber der machte so ein ernstes Gesicht, dass er es auch ernst meinen musste. Da ertönte auch schon die Trillerpfeife von Herrn Schnitzer. Das bedeutete, dass es gleich losgehen würde. Olli dachte wieder intensiv an seinen Hilfmir, den er aber im Rucksack gelassen hatte.

„Hilfmir, ich falle gleich in Ohnmacht. Was soll ich bloß tun?“, murmelte er. Doch er wusste, dass ihm jetzt nichts anderes übrig blieb, als dieses Rennen möglichst unauffällig zu überstehen. Die ersten Jungs waren an der Reihe und machten sich startklar. Die nächste Dreiergruppe, das waren Sascha, Marc und David. Danach würde er starten müssen. Der Schweiß brach ihm aus und sein Kopf wurde furchtbar heiß. „So, und jetzt der Kevin, Olli und Pit“, hörte er Herrn Schnitzer wie durch Watte rufen.

Langsam ging er zu den Startblöcken, nahm Position ein und schon hörte er: „Auf die Plätze … fertig … los!“ Kevin und Pit schossen los, wie die Raketen. Olli hatte das Gefühl schon am Start einen Rückstand von mindestens einer halben Minute zu haben. Wenn er nicht gewusst hätte, dass das nicht sein konnte, hätte er es wahrscheinlich sogar selbst geglaubt! Schritt für Schritt quälte er sich die Bahn entlang. Noch nicht mal eine halbe Runde, schoss es ihm durch den Kopf. Seine Beine schienen schwer wie Blei.

„Hilf mir, du bist bei mir, du schiebst mich, du ziehst mich, du sorgst dafür, dass ich mich hier nicht total blamiere.“ Zwanghaft versuchte er, sich selbst Mut zu machen, aber es klappte nicht so richtig. Er lief und lief und lief … erste Runde … Gott sei Dank! Olli hätte heulen können, aber er lief! Er quälte sich in die zweite Runde. Er spürte kaum noch seine Beine und bekam fast keine Luft mehr. Doch plötzlich hörte er hinter sich Schritte – Laufschritte! Zum Umschauen hatte er keinen Mut. Womöglich wäre er noch gestürzt und das wäre sein totales Ende an dieser Schule gewesen.

„Du schaffst das! Du schaffst das! Du schaffst das! Du schaffst das“ Du schaffst das! Immer und immer wieder hörte er: „Du schaffst das!“ Er erkannte, woher die Schritte kamen und er wusste wer ihm immer wieder: „Du schaffst das!“ zurief. Sascha, Marc und David waren bereits im Ziel gewesen, aber als sie sahen, dass Olli fast schon zusammengebrochen wäre, liefen sie noch einmal los, um ihn zu unterstützen. Sie liefen hinter ihm her und sagten immer wieder abwechselnd: „Du schaffst das!“

Als Olli völlig am Ende seiner Kräfte war, lief David an ihm vorbei und rief: „Laufe mir einfach hinterher, denke nicht nach und laufe! Laufe, laufe, laufe – DU schaffst das!“ Olli lief und lief und lief, er lief als sei es um sein Leben. Er spürte nichts mehr. Seine Beine waren taub und die Puste war ihm längst ausgegangen. Sein Kopf war knallrot und drohte zu platzen, aber er lief!

Als die vier Jungs über die Ziellinie kamen, klatschten alle Klassenkameraden Beifall. Olli nahm nichts mehr um sich herum wahr. Er konnte einfach nur noch ins Gras sinken. Kevin brachte ihm eine Wasserflasche und sagte: „Klasse Olli! Du bist ein Tier! Du hast es geschafft! Du bist die tausend Meter durchgelaufen!“

„I…ich … glaube es … nicht“, Olli konnte kaum sprechen, so außer Atem war er immer noch. Doch er wusste, heute hatte alles zusammen geholfen. Die Jungs, Hilfmir und nicht zuletzt er und sein Wille, sich heute nicht blamieren zu wollen. Niemals zuvor hatte er tausend Meter am Stück geschafft. In diesem Moment kamen Sascha, Marc und David auf ihn zu.“ Glückwunsch Olli, wir wussten, dass du es schaffen wirst!“, sagte Marc.
„Aber ohne euch wäre mir das nicht gelungen. Ich hätte fast am Start schon wieder aufgegeben“

„Als wir dich heute Morgen gesehen haben, wussten wir, dass du keinen guten Tag hast und haben beschlossen: Einer für alle und jetzt alle für dich! Du hilfst uns immer bei den Hausaufgaben oder wenn wir etwas nicht kapieren und heute konnten wir uns dafür einmal revanchieren. Übrigens: Wir bauen am Waldrand beim See gerade eine Hütte. Das Grundstück gehört Marcs Opa, wenn du Lust hast, wir suchen noch kräftige Unterstützung. Bist du dabei?“, wollte Sascha wissen.

Olli konnte sein Glück kaum fassen und schaute die Drei mit großen Augen an. Die Jungs waren gar nicht so, wie er immer dachte. Sie hatten ja sogar bemerkt, dass er sie immer abschreiben ließ!

„Klar, habe ich Lust!“, sagte er glücklich. „Ihr müsst mir nur sagen wo und wann – ich habe immer Zeit!“ „Wir treffen uns nachher bei mir, um einen Plan zu machen“, antwortete David. „So gegen 14 Uhr – bis dann also!“ Die drei Jungs zogen Richtung Weitsprung davon.

Olli saß erstaunt im Gras und konnte noch gar nicht begreifen, was eben passiert war. Hatten sie ihn wirklich gefragt, ob er mithelfen wollte, eine Hütte zu bauen? Hatten sie wirklich gesagt: Einer für alle und jetzt alle für dich! Ein glückliches Grinsen huschte ihm über das Gesicht.

Langsam erhob er sich. Als er den anderen aus seiner Klasse folgte, murmelte er: “Danke Hilfmir, du bist der Größte! Besser geht’s nicht!“ und er beschloss Hilfmir ab sofort wieder ständig bei sich zu tragen.

(c)  Text Monika Baitsch

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