Kurzgeschichte Erster Schultag

Geschätzte Lesedauer 11 Minute(n)

Kindergeschichte erster Schultag – Jonas und die Schule

Seine Schultüte fest in den Armen, schritt Jonas Scholz zwischen seinen Eltern auf die Grundschule zu, in der er die nächsten vier Jahre verbringen würde. Groß und gelb angemalt stand sie da am Straßenrand, vor ihr waren Unmengen an Menschen und Kindern versammelt, die alle hinein wollten.

Kurzgeschichte Schulanfang
Kurgeschichte erster Schultag

Seine Aufregung wuchs, was hatte er sich auf diesen Tag gefreut! Sein allererster Schultag! An Schlaf war in der letzten Nacht nicht zu denken gewesen, immer wieder hatte er sich gefragt, wie es wohl werden würde: wer waren die anderen Kinder?

Und wer würde sein Lehrer werden? Oder vielleicht auch eine Lehrerin? Bekam er auch Geschenke? Tausend Fragen sausten durch seinen Kopf, so dass er irgendwann vor Erschöpfung eingeschlafen war, bis seine Mama ihn weckte.

„Heute Jonas, heute ist dein großer Tag!“ und es gab ein besonderes Frühstück für ihn: Pfannenkuchen! Das gab es sonst nie zum Frühstück! Und seine Oma kam mit seinem Opa und seine Pateneltern auch und nun stand er hier mit seiner Schultüte, deren Inhalt er noch nicht wissen durfte und schaute durch seine blauen Augen auf das große Gebäude vor ihm. „Bald, mein Junge, wirst du es nicht mehr so schön finden, in die Schule gehen zu dürfen. Aber genieße es, so lange es geht.“

Sein Papa klopfte ihm auf die Schulter und verstand die Aufregung. „Das wird dann wie mit deiner Kindergartenallergie, nur, dass du dann eine Schulallergie haben wirst!“ Er lachte und die anderen Erwachsenen fielen ein, während Jonas sich umsah. Er konnte sich noch gut an den Tag erinnern, an dem er sich das erste Mal sehnte, endlich in die Schule zu dürfen.

Die anderen Kinder waren so albern gewesen und blöd und so klein. Schließlich war er schon groß! Es wurde Zeit, dass er in die Schule kam! Also hatte er zu Hause mit dem Fuß aufgestampft und verkündet, dass er eine Kindergartenallergie hätte, er könne dorthin nicht mehr gehen! Am nächsten Tag würde er in die Schule gehen, das hätte er nun so beschlossen.

Leider war seine Mama anderer Meinung, ihr Sohn müsste auch die letzten Monate im Kindergarten verbringen, bis er eingeschult werden würde. Aber sie hatte ihm einen Kalender geschenkt und seinen ersten Schultag mit bunter Farbe angemalt, so dass er die Tage bis dorthin zählen und ausstreichen konnte. Jedoch fielen seine Eltern nicht auf ihn herein, als er an einem Tag gleich eine ganze Woche ausstrich und meinte, am nächsten Tag wäre es soweit, er könne endlich in die Schule gehen! Es war zum Haare raufen.

Also hatte er heute seine blau-glitzernde Schultüte in Empfang genommen und sich von seiner Familie sagen lassen, dass heute sein persönlicher Überraschungstag anstünde. Er war froh, gleich am Morgen hatte er verkündet: „Mama, ich bin jetzt groß und muss nicht immer bei dir sein. Ich kann jetzt auch alleine weggehen zu meinen Freunden in der Schule!“ Er war ungemein stolz auf seinen Satz gewesen, doch seine Mama hatte ganz traurig geschaut. Er war doch jetzt groß, oder?

So wie sie angekommen waren, wurden alle Personen eingelassen in einen großen Saal. Rote Stühle standen aufgereiht vor einer kleinen Bühne, auf der eine Frau mit Brille stand, mit Rock und vernünftigen Schuhen, wie sie seine Oma immer trug. Sie beobachtete lächelnd die einströmenden Besucher und stellte sich als die Rektorin vor. Dann hielt sie eine Ansprache. Darüber, dass heute ihr großer Tag sei und was sie alles lernen würden. Doch Jonas interessierte sich dafür nicht sonderlich, diese Rede galt wohl nur den Erwachsenen.

Deswegen schaute er sich neugierig nach den anderen Kindern um, die ebenso zappelig wie er auf ihren Stühlen saßen, die Schultüten zwischen den Knien, immer mit einem Auge hinein schielend, ob wohl etwas zu erkennen war. Durch große Fenster an den Seiten des Raumes schien die vormittägliche Sonne herein und zeigte kleine Staubkörnchen, die in der Luft hingen. Hier und da hörte man jemanden niesen und sich räuspern. Füßen scharrten über den Boden und es roch nach Schule.

Genau genommen konnte man den Duft nicht genau beschreiben, irgendwie roch es nach Büchern und Wissen. Und alt roch es auch, sonderlich modern war seine neue Schule nicht gerade eingerichtet. Eine Reihe vor ihm erkannte er Thomas, mit dem er schon im Kindergarten gewesen war und dem soeben die Schultüte abgenommen wurde, weil er an der Schleife gezogen hatte, um die Tüte zu öffnen. Jonas lachte in sich hinein, das war typisch Thomas.

Da fing er den Blick von einem anderen Jungen auf, den er noch nicht kannte und der auch Thomas beobachtet hatte und von einer Backe zur anderen grinste. Sie schaute sich an und strahlten über Thomas kleines Problem. Der andere Junge war dunkelhaarig, nicht blond wie Jonas, schien aber genauso viel Spaß zu haben wie er selbst. Er hatte auch eine Schultüte auf seinem Schoß, behielt jedoch seine Hände für sich.

Die Ansprache zog sich und zog sich, Jonas wäre bald eingeschlafen, als die Rektorin, Frau Westermann, sie auch schon beendete und alle Erstklässler aufforderte, mit ihren Eltern auf den Schulhof zu gehen und sich bei der großen gelben „1“ einzureihen. Was war denn damit gemeint? Schnell hatten sich alle draußen versammelt und da waren tatsächlich große Zahlen auf den Boden gemalt. „1“, „2“, „3“ und „4“ in gelb, blau, rot und grün. „Hier werdet ihr euch jeden Morgen und am Ende einer jeden Pause in Zweierreihen aufstellen, bis eure Lehrer euch abholen und in die Klassenzimmer bringen.“

Frau Westermann stand vor der Eingangstür der Schule zum Pausenhof, wo auch die Zahlen auf den Boden aufgemalt waren. „Dann reiht euch doch jetzt schon mal zum ersten Mal ein! Immer zwei Kinder nebeneinander bitte.“ Zögernd traten die Kinder aus dem Kreise ihrer Familien auf die „1“ zu, auch Jonas war dabei und schaute sich um, neben wem er stehen würde. Das war der Junge, den er in der Ansprache gesehen hatte! „Hallo“ sagte er „ich bin Lukas. Und du?“ „Ich bin Jonas.“ Sie schauten sich an und grinsten, Lukas würde bestimmt sein Freund werden! „Sollen wir gleich nebeneinander sitzen?“

Aus sicherer Quelle des Nachbarskindes, Peter, wusste er, dass es wirklich wichtig war, neben wem man saß. „Klar!“ Und schon wurde der Zug aus Kindern von Frau Westermann und einer anderen Frau angeführt, die sich schon in der Aula vorgestellt hatte.

Seine Lehrerin! Frau Müller hieß sie, doch seine Oma hatte etwas von Fräulein gemurmelt, weil sie wohl nicht verheiratet sei. Seine Mama hatte zwar geschimpft, solche Ausdrücke gäbe es nicht mehr, doch Jonas fand das lustig. Er würde sie Fräulein Müller nennen! Schnell erzählte er Lukas von seinem Vorhaben und auch er war sofort begeistert! Bald darauf waren sie im Flur der Schule angekommen, an dem Garderoben hingen und Bilder von Schulklassen mit den Lehrern. Eine alte breite Holztreppe ging es herauf, sie knarrte unter den Kinderfüßen und hieß sie willkommen in der neuen Welt voller Buchstaben und Zahlen und Kinderlachen.

Eine neue Zeit hatte für Jonas begonnen! Direkt hinter der ersten Tür im nächsten Stockwerk verbarg sich sein Klassenzimmer. Die Holztür schwang auf und gab den Blick frei auf einen großen Raum voller Sonnenlicht, leerer Tische, die in drei Reihen hintereinander aufgestellt waren und einem großen Lehrerpult in deren Front gleich neben der Eingangstür. Schnell suchten sich die Kinder einen Tisch, auch Jonas und Lukas fanden einen in der zweiten Reihe in der Mitte und sahen gespannt zu Fräulein Müller, die entspannt am Lehrerpult lehnte und der Schar zuschaute.

War das ein Erlebnis! Bei ihrer neuen Lehrerin sollten sie ihre erste Schulstunde verbringen, während ihre Eltern auf dem Schulhof auf sie warten würden. Lachend erzählten Lukas und Jonas sich ihre bisherigen Lebensgeschichten und was sie gerne machten: spielen! Geschichten erzählt bekommen! Und Fußball spielen war auch ganz toll! Jonas wusste, dass er mit Lukas gut befreundet sein würde und sie verabredeten sich, am nächsten Tag, ihren ersten richtigen Schultag, vor der Schule zu treffen.

Schnell war die erste Schulstunde herum und mit dem lauten Klingeln der Schulglocke sprangen sie von ihren Sitzen auf und rannten aus der Tür, zu ihren Familien und hinein in einen Nachmittag voller Überraschungen. Jonas durfte mit seiner Familie auf die Kartbahn fahren! Und danach gab es in seinem zu Hause Kuchen, mit ganzen vielen bunten Smarties darauf.

Doch vorher durfte er feierlich seine Schultüte auspacken, deren Verpackung seinem Ansturm an kindlicher Neugier kaum stand hielt. Was förderte er da alles zu Tage! Gummibärchen! Und da waren Buntstifte und ein Radiergummi, der wie ein Fußball geformt und schwarz-weiß war! Aber das schönste Geschenk war ein knallroter Wecker, der aussah, wie ein Auto.

„Den musst du dir nun jeden Abend stellen, mein Schatz, damit du am nächsten Morgen pünktlich aufstehst und rechtzeitig zur Schule kommst.“ Seine Mama strich ihm über das Haar, als er den Wecker bestaunte. „Denn nun bist du groß, wie du schon gesagt hast und selbstständig.“

Und so tat er es. Am Abend legte er seine Anziehsachen für den nächsten Tag heraus. Normalerweise machte er das immer gemeinsam mit seiner Mama, aber nun wollte er das alleine machen. Schließlich war er kein Baby mehr! Und auch am nächsten Tag wollte er alleine zur Schule gehen und zurück, den Weg hatte sein Vater ihm am Nachmittag noch genau gezeigt. Früh am nächsten Morgen weckte ihn lautes Motorengeräusch. Was war denn das …? Ah, sein Wecker!

Brummbrumm erklang es laut aus dem knallroten Gerät und schnell schlug er mit der rechten Hand darauf, damit es aus ging. Was es zwar auch tat, nur um nach 10 Minuten wieder anzugehen. Noch lauter als vorher! Mit der Zahnbürste im Mund rannte er in sein Kinderzimmer zurück. Er hatte den Wecker doch ausgemacht! Lachend folgte ihm seine Mutter und zeigte auf den kleinen Knopf an der Rückseite, wo der Wecker richtig aus ging. Das drauf hauen, wie er es bei seinem Vater gesehen hatte, führte nur zu einer Verzögerung von ein paar Minuten, dann ging er wieder an.

Wieso sein Vater länger im Bett liegen bleiben und nicht zur Arbeit kommen wollte, war Jonas ein Rätsel, aber darauf konnte er sich nun nicht konzentrieren. Zähne wurden zu Ende geputzt, die Hose angezogen, das T-Shirt auch, die bunte Bettwäsche mit den Tiermotiven zusammengelegt und fertig war er! „Mama! Ich bin fertig!“ Jonas rannte aufgeregt in die Küche, wo ihn sein Frühstück aus Saft und Kakao und einem Butterbrot erwartete. Seine Mama packte ihm gerade eine Plastikflasche mit Saft und eine Box mit Broten in seinen Schulranzen.

„Bist du auch sicher, dass du alleine gehen möchtest? Ich kann dich sehr gerne zur Schule begleiten, Jonas.“ Mit einer Tasse Kaffee in der Hand setzte sie sich ihm gegenüber, wo Jonas herzhaft in sein Brot biss und Kakao schlürfte. „Mamaaa! Nein, ich gehe alleine zur Schule! Das habe ich doch schon gesagt!“ Dass sie sich das nicht merken konnte! Seine Mutter nickte und entließ ihn aus dem Haus, nicht bevor er sich noch einmal die Zähne geputzt und sie ihn zum Abschied umarmt hatte. Schnell wie der Wind fegte er aus ihrem Vorgarten, die Straße entlang in Richtung Schule.

Sein Ranzen klopfte dabei erwartungsfroh auf seinen Rücken, seine Füße trugen ihn immer näher in Richtung erster Schulstunde. Was er heute wohl alles lernen würde! Doch bald schon wurde Jonas langsamer. Er rannte nicht mehr, nein, er ging auch nicht mehr schnell, zögernd setzte er einen Fuß vor den anderen und schaute sich in der Straße um, in die er eingebogen war.

Hier kannte er kein einziges Haus! Das konnte nicht richtig sein! Also drehte er um und wanderte zurück, von der anderen Straße aus konnte er bestimmt erkennen, wo er hin musste. Aber auch dort fand er sich nicht mehr zurecht. Wo war er nur bloß? Wo war die Schule? Hier sah ja alles gleich aus! Die Häuser standen alle ein paar Meter zurückversetzt am Straßenrand, waren in gelb und weiß und hellgrün gestrichen, glichen sich wie ein Ei dem anderen. Jonas konnte sich noch nicht mal mehr erinnern, ob er schon mal hier gewesen war!

Also ging er weiter zurück, irgendwann würde er schon wieder irgendwo ankommen, wo er sich auskannte. Hoffte er! Doch die Gegend blieb undurchsichtig. Immer wieder fuhren Autos an ihm auf der engen Straße vorbei, doch keines kannte er. Auch die Häuser veränderten sich nur unwesentlich. Seinen Eltern hatte er versprochen, mit niemandem Fremden zu sprechen, also konnte er auch nicht nach dem Weg zu Schule fragen. Er hatte sich schon oft über Verbote hinweg gesetzt, doch dieses war ihnen so wichtig gewesen, dass er es nicht wagte, dagegen zu verstoßen. Kinder spürten genau, sobald ihren Eltern etwas wirklich wichtig war oder ob sie nur die Macht der Erwachsenen heraushängen lassen wollten.

Doch in diesem Fall wünschte er sich nun doch, mit seiner Mama gegangen zu sein. Eigentlich war er ja kein Baby, nur weil seine Mama ihm half, zur Schule zu kommen, dachte er bei sich. Sie hatte ihm ja auch seine Butterbrote geschmiert für die Schule und seinen Ranzen gepackt. Und die Anziehsachen, die er herausgelegt hatte, wieder gegen andere ausgetauscht, wovon er erst nicht begeistert gewesen war.

Doch auf ihre Frage, was er denn im Hochsommer mit seinem Skianzug wollte, wusste auch er keine Antwort. Im Prinzip hatte sie schon ziemlich oft Recht, seine Mama. Ach, wenn sie doch mit ihm mitgegangen wäre! Den Tränen nahe, obwohl er es nie zugeben würde, denn er war ja ein großer Junge, blieb er stehen und schaute sich um. Leider wusste er nicht, wo er hingehen sollte.

„Jonas!“ hörte er da hinter sich und er drehte sich schnell um. In den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages stand da seine Mama mit ihrem Familienhund, Thor, und schaute ihm lächelnd entgegen. „Mama!“ rannte er ihr mit klopfendem Herzen entgegen und stürzte sich in ihre Arme „Ich wusste nicht mehr, wo ich bin und wo die Schule ist!“ Thor schnupperte an seinem Kindergesicht und schaute zu seinem Frauchen hoch, das nun vor ihren Sohn in die Hocke ging und die Kummertränen abwischte.

„Ich weiß, mein Schatz. Deswegen bin ich dir auch gefolgt. Ich hoffe, das findest du nicht schlimm.“ Sie strahlte, als Jonas mit dem Kopf schüttelte und sich enger an seine Mama kuschelte. „Weißt du, mir ist eingefallen, wie mein erster Schultag war und dass ich auch so gern alleine zur Schule gehen wollte. Doch dann verlief ich mich ganz fürchterlich in unserem Wohngebiet und war so froh, Oma zu sehen.

Deswegen habe ich mir überlegt, dass ich dir ja folgen könnte. Komm, ich begleite dich zur Schule.“ So kam es, dass Jonas doch noch pünktlich an dem Schulgebäude ankam und von seinem neuen Freund Lukas empfangen wurde, der neben seiner Mutter stand. Erwartungsfroh lief er ihm entgegen, nachdem seine Mama ihm einen Abschiedskuss gegeben und er Thor über den Kopf gestreichelt hatte.

Dann blieb er stehen und schaute zu seiner Mutter zurück, die ihm hinterher sah.

„Mama, holst du mich ab, heute Mittag?“ Er sah, wie ihre Augen strahlten, als sie lächelte und antwortete: „Sehr gerne mein Schatz, heute Mittag warte ich hier auf Dich.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und stürmte hinein, in dem Wissen, dass er immer Hilfe in Anspruch nehmen dürfte.

Egal, wie groß er war.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.